Viele Hundehalter kennen Arthrose vor allem als Diagnose auf einem Röntgenbild. Die Erkrankung lässt sich jedoch nicht auf „abgenutzten Knorpel“ reduzieren. Heute wird Arthrose als Erkrankung des gesamten Gelenks verstanden: Gelenkknorpel, Gelenkinnenhaut, Gelenkkapsel, der Knochen direkt unter dem Knorpel und die umliegenden Strukturen können sich im Verlauf verändern und gegenseitig beeinflussen.
Wie arbeitet ein gesundes Gelenk?
Bewegliche Gelenke verbinden zwei oder mehr Knochen miteinander. Die Gelenkflächen sind mit glattem Gelenkknorpel überzogen. Dieser hilft dabei, Belastungen zu verteilen und Bewegungen mit möglichst wenig Reibung zu ermöglichen.
Das Gelenk wird von einer Gelenkkapsel umschlossen. Ihre innere Schicht, die Synovialmembran, bildet die Gelenkflüssigkeit. Diese Flüssigkeit trägt zur Schmierung des Gelenks bei und versorgt den Gelenkknorpel, der selbst keine eigene Blutversorgung wie viele andere Gewebe besitzt. Unterhalb des Knorpels liegt der sogenannte subchondrale Knochen.
Kurz gesagt: Ein Gelenk funktioniert nicht durch ein einzelnes Bauteil. Knorpel, Gelenkflüssigkeit, Gelenkinnenhaut, Kapsel, Knochen, Bänder und Muskulatur arbeiten als System zusammen.
Was verändert sich bei Arthrose?
Arthrose kann unterschiedliche Ausgangspunkte haben. Beim Hund stehen häufig Entwicklungsstörungen und Fehlstellungen, Gelenkinstabilität oder frühere Verletzungen im Hintergrund. Beispiele sind Hüft- oder Ellenbogendysplasie sowie Instabilitäten nach Erkrankungen oder Verletzungen des Kniegelenks. Auch Alter, Körpergewicht, Genetik und mechanische Belastung können das individuelle Risiko beeinflussen.
1. Der Gelenkknorpel verliert seine normale Struktur
Im arthrotischen Gelenk gerät das Gleichgewicht zwischen Aufbau und Abbau der Knorpelmatrix zunehmend aus der Balance. Entzündliche Botenstoffe und abbauende Enzyme können die Knorpelstruktur schädigen. Der Knorpel kann dadurch unregelmäßiger und dünner werden und seine mechanischen Eigenschaften verändern.
Das ist aber nur ein Teil des Geschehens. Gerade deshalb greift die Vorstellung eines rein mechanischen „Abriebs“ zu kurz.
2. Die Gelenkinnenhaut kann sich entzünden
Die Synovialmembran kann bei Arthrose entzündlich reagieren – man spricht von einer Synovitis. Dabei entstehen weitere entzündliche Signalstoffe, die den Krankheitsprozess mit unterhalten können. So kann ein Kreislauf aus Gewebeveränderung und Entzündungsreaktion entstehen.
3. Auch der Knochen verändert sich
Der Knochen direkt unterhalb des Knorpels passt sich an die veränderte Belastung an. Es kann zu Umbauprozessen und einer Verdichtung des subchondralen Knochens kommen. Zusätzlich können sich knöcherne Zubildungen am Gelenkrand, sogenannte Osteophyten, entwickeln. Solche Veränderungen sind typische Befunde, die auf Röntgenaufnahmen sichtbar werden können.
4. Gelenkkapsel und umliegende Strukturen reagieren mit
Im länger bestehenden Verlauf kann die Gelenkkapsel dicker und weniger nachgiebig werden. Gleichzeitig verändern sich Belastung und Bewegungsmuster. Bänder, Sehnen und Muskulatur müssen dann unter Umständen Aufgaben kompensieren, die das Gelenk nicht mehr so gut erfüllt wie zuvor.
Warum kann Arthrose Schmerzen verursachen?
Ein wichtiger Punkt ist: Schmerz bei Arthrose entsteht nicht einfach dadurch, dass „Knorpel auf Knorpel reibt“. Der Gelenkknorpel selbst ist nicht so innerviert wie viele andere Gewebe. Schmerzreize können vielmehr aus verschiedenen Strukturen des Gelenks und seiner Umgebung kommen.
Dazu gehören unter anderem:
- eine entzündete Gelenkinnenhaut,
- Veränderungen am subchondralen Knochen,
- eine gereizte oder fibrotisch veränderte Gelenkkapsel,
- überlastete Bänder, Sehnen und Muskulatur,
- veränderte mechanische Belastungen innerhalb und außerhalb des betroffenen Gelenks.
Bei länger bestehenden Schmerzen kann sich zusätzlich die Schmerzverarbeitung im Nervensystem verändern. Deshalb passen sichtbare Veränderungen im Röntgenbild und das tatsächliche Schmerzempfinden eines Hundes nicht immer eins zu eins zusammen.
Warum verändern sich Bewegung und Muskulatur?
Wenn Bewegung unangenehm wird oder ein Gelenk weniger beweglich ist, passt ein Hund sein Bewegungsverhalten häufig an. Das kann sehr deutlich als Lahmheit sichtbar sein – muss es aber nicht. Gerade bei langsam entstehenden oder beidseitigen Problemen können Veränderungen zunächst subtil wirken.
Möglich sind zum Beispiel Steifigkeit nach Ruhephasen, ein verändertes Aufstehen, kürzere Schritte oder weniger Bereitschaft zu bestimmten Bewegungen. Wird ein Bein dauerhaft weniger belastet, kann Muskulatur abgebaut werden. Gleichzeitig übernehmen andere Gliedmaßen oder Körperregionen mehr Arbeit.
Damit betrifft Arthrose langfristig nicht nur das einzelne Gelenk, sondern kann sich auf das gesamte Bewegungsverhalten auswirken.
Wichtig: Eine veränderte Bewegung oder Steifigkeit bedeutet nicht automatisch Arthrose. Auch andere orthopädische, neurologische oder internistische Ursachen können dahinterstehen. Neue oder deutliche Beschwerden sollten deshalb tierärztlich abgeklärt werden.
Was bedeutet dieses Verständnis für Hundehalter?
Zu verstehen, dass Arthrose eine Erkrankung des gesamten Gelenks und nicht nur ein „abgenutzter Knorpel“ ist, verändert auch den Blick auf die Begleitung des Hundes. Es geht nicht um eine einzelne Maßnahme, die Arthrose einfach beseitigt.
Sinnvolle Betreuung ist in der Regel individuell und kann unterschiedliche Bausteine miteinander verbinden – beispielsweise tierärztliche Schmerztherapie, Gewichtsmanagement, angepasste Bewegung, Veränderungen im Alltag und rehabilitative beziehungsweise physiotherapeutische Maßnahmen.
Welche Maßnahmen zu einem einzelnen Hund passen, hängt unter anderem vom betroffenen Gelenk, der Ursache, dem Krankheitsstadium, Begleiterkrankungen, Alter, Aktivitätsniveau und der individuellen Reaktion des Tieres ab.
Quellen & weiterführende Literatur
- Epstein ME. Osteoarthritis in Dogs and Cats. Merck Veterinary Manual. Fachlich geprüft, aktualisiert 2025. Quelle öffnen
- Bougherara H, Boukhechem S, Dib AL. A multimodal approach to Canine Osteoarthritis management: A state-of-the-art. Open Veterinary Journal. 2025;15(11):5461–5465. doi:10.5455/OVJ.2025.v15.i11.3. Quelle öffnen
- Gruen ME et al. 2022 AAHA Pain Management Guidelines for Dogs and Cats. Journal of the American Animal Hospital Association / AAHA, 2022. Quelle öffnen
- Anderson KL, Zulch H, O'Neill DG, Meeson RL, Collins LM. Risk factors for canine osteoarthritis: a systematic review. Frontiers in Veterinary Science. 2020;7:220. doi:10.3389/fvets.2020.00220. Quelle öffnen